Analyse zum deutschen Damen-Tennis

 

Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2021: 

 

Auszüge aus dem Bericht "Lücken im Tableau"

 

Bundestrainerin Rittner will keine düsteren Szenarien heraufbeschwören

 

Jede Niederlage zwischen den weißen Linien hat ihre eigene Geschichte, wie Mona Barthels Beispiel (in Australien) zeigt. Aber Tabula rasa nach vier Tagen - dieser Zustand im Tableau könnte sich nach Einschätzung von Bundestrainerin Barbara Rittner in naher Zukunft wiederholen. "Es kann auch mal sein, dass wir bei Grand Slams nur ein, zwei oder drei deutsche Spielerinnen dabei haben", lautet ihre Prognose. Denn eine so genannte Goldene Generation von Tennisspielerinnen tritt langsam ab, und dahinter, so Ritter, "klafft eine Lücke".

 

Es ist keine ganz neue Erkenntnis, wie Rittner am Donnerstag am Telefon erklärte. Und sie wollte auch keine düsteren Szenarien heraufbeschwören, nur "sehr realistisch" auf die Situation hinweisen: Eine glorreiche Zeit im deutsche Frauentennis nähert sich ihrem Ende, der helle Schein, den Angeliques Kerbers Triumphe, etwa der Wimbledonsieg 2018, verbreiten, verblasst. Julia Görges, Halbfinalistin in Wimbledon, ist bereits zurückgetreten, Andrea Petkovic, 33, befindet sich bereits in ihrer Abschiedssaison, Kerber ist ebenfalls 33 Jahre alt, Siegemund 32, Barthel 30. Und in der Weltrangliste sucht man unter den 120 Besten vergeblich eine DTB-Akteurin, die jünger als 25 wäre.

Nicht einmal die Australien Open bieten in diesem Jahr Juniorenturniere an

Noch vor drei Jahren, so berichtet Rittner, hatte sie rosa Hoffnungsstreifen am Horizont des DTB gesehen: "Die Kluft, die sich jetzt auftut, war schon geschlossen." Eine Reihe junger Spielerinnen hatte sich damals in die Top-50 durchgeschlagen. Doch Talente wie Carina Witthöft, 25, Annika Beck, 26, oder Antonia Lottner, 24, hätten aus diversen Gründen die Erwartungen nicht oder noch nicht erfüllen können. Anna-Lena Friedsam, 27, die hochveranlagte Nummer 111 der Weltrangliste, musste sich zwei Schulteroperationen unterziehen. So richtet sich Rittners Blick nun bereits auf die Förderung einer noch jüngeren Generation.

Noma 12 20"Ich mache mir keine Sorge, dass wir keinen Nachwuchs haben", sagt sie und verweist etwa auf die 19-jährige Alexandra Vecic, die vor Jahresfrist bei den Australian Open das Juniorinnen-Halbfinale erreichte. Die deutsche Hallenmeisterin, Noma Noha Akugue aus Reinbek, ist sogar erst 17 Jahre alt. Was die Bundestrainerin allerdings tatsächlich bekümmert, ist der Umstand, dass den aufstrebenden Spielerinnen gerade jetzt, in dieser Phase der Entwicklung, die Wettkampferfahrung fehlt. Tennis ist Duell, ein Turniersport, aber Turniere werden in der Pandemie seit Monaten kaum noch angeboten, auch die für Nachwuchsspielerinnen geeigneten unterklassigen internationalen Wettkämpfe fehlen: "Wir suchen händeringend nach Veranstaltungen", sagt Rittner.

 

Um Abhilfe zu schaffen, zieht der DTB seine Jüngsten zu Lehrgängen zusammen. Denn nicht einmal die Australian Open bieten in diesem Jahr Juniorenturniere an - weder für Mädchen, noch für Jungen, auch wenn sie sich die Voraussetzungen dafür längst erarbeitet hätten. Auch deshalb warnte Rittner am Tag von Mona Barthels Niederlage vor hochfliegenden Erwartungen in näherer Zukunft: "Man darf diese jungen Spielerinnen nicht zu sehr unter Druck setzen", sagt sie. "Was sie brauchen, ist Zeit."

 

(Foto: DTB/Mathias Schulz)


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